Gerd Simon

Zu Ludwig Jägers Editorial und seinem Beitrag:

"Germanistik eine deutsche Wissenschaft".

Fassung 15.11.96


Als Mitautor von SuL 27,1, kann ich nicht anders, als der Einladung des Herausgebers zu folgen und mich weniger zu meinem eigenen Beitrag zu äußern als zu dem Editorial und dem Beitrag des Herausgebers. Beide waren mir bis zum 1. Oktober 1996, als ich erstmals das fertige Heft in Händen hielt, auch nicht in Auszügen bekannt.

Jäger spricht in auffälligem Ausmaß von dem, was nach den mitgeteilten Recherchen wahrscheinlich oder unwahrscheinlich sei. So sehr Fakten schon Theorie sind, so wichtig es ist, seine Mutmaßungen auch öffentlich zur Diskussion zu stellen, so sparsam sollte man meiner Meinung nach in Sachen Geschichte sein mit Wahrscheinlichkeitsurteilen.

Jäger hält z. B. die Wahrscheinlichkeit für groß, daß Schneider an dem Unternehmen der von Heinrich Harmjanz geleiteten SS-Einsatzgruppen in Polen, speziell in Krakau, teilnahm. Diese Gruppe hat sich Kunstraub, möglicherweise auch mehrfachen Mord zuschulden kommen lassen. Jäger beruft sich dabei auf einen Einsatzbefehl von Sievers vom 23. Oktober 39, der sich seinerseits auf eine Mitteilung des SS-Hauptamts bezieht. Wenn es diesen Einsatzbefehl gab - mir ist er seinerzeit offenbar entgangen - und er unseren Hans Ernst Schneider betraf - sicher ist nur, daß ein Schneider aus der Abteilung Volkstum des Sicherheitsdienstes, die Hans Ehlich leitete, an dem Unternehmen teilnahm -, dann ist keineswegs ausgemacht, daß der Befehl auch ausgeführt wurde.

Immerhin gab es eine auf den 20. Oktober 39, also 3 Tage vor dem oben erwähnten Befehl, datierte Anordnung Himmlers, also einer übergeordneten Instanz, daß Schneider sich mit seiner <Ahnenerbe>-Lehr- und Forschungsstätte für germanisch-deutsche Volkskunde Ende 1939 von Salzburg nach Wien zu begeben habe. Es ist aber unstrittig, daß Schneider nicht nach Wien ging, also dieser Anordnung Himmlers nicht gefolgt ist, sondern als Adlatus von Sievers in Berlin Verwendung fand. Man kann also in der Tat aus einem Befehl selbst im 3. Reich nicht folgern, daß er auch automatisch befolgt wurde. Das gilt für die Zeit kurz nach Kriegsausbruch natürlich in besonderem Maße.

Jäger müßte vor allem erklären, warum Schneiders angebliche Teilnahme an Harmjanz' Polen-Operation keinen Reflex in seinem Lebenslauf vom 10.9.41 hinterließ. Dies ist umso erstaunlicher, als in diesem Lebenslauf die wenigen Tage vor Riga explizit erwähnt werden. Da sich auch diese im übrigen völkerrechtlich durchaus legale Tätigkeit im Rahmen der Harmjanz-Operation abspielte, ließe sich hier, zwanglos ein Grund finden, warum Schneider in den Harmjanz-Akten auftaucht. Seine eventuellen Aktivitäten in Polen 1941 demgegenüber dem Rasse- und Siedlungs-Hauptamt zu verschweigen, gibt in keiner Hinsicht Sinn. Es wäre etwas anderes gewesen, wenn der Lebenslauf in einem anderen Zusammenhang, insbesondere nach 1945 verfaßt worden wäre.

Wenn man schon spekuliert, dann wäre auch eine Gegenspekulation ernstzunehmen: Wir wissen, daß Schneider in Königsberg Mitarbeiter von Zastrau und letzterer Intimfeind von Harmjanz war. Es wäre doch nicht auszuschließen, daß Schneider - nach dem Erhalt des Befehls - Sievers über mögliche Komplikationen informierte, wenn Harmjanz ihn zu Gesicht bekäme. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, daß der flexible und wendige "Reichsgeschäftsführer" - wie sich der vormalige Generalsekretär Sievers nach Einwirkung des Sprachvereins nannte - daraufhin für Schneider eine Ausnahme gemacht und neu disponiert hätte, z. B. den Einsatz vor Riga ermöglicht hätte. Ich habe nichts dagegen, wenn man in Erwägung zieht, daß Schneider in Krakau war. Was ich bei Jäger vermisse, ist der Mangel an Diskussion möglicher Alternativen.

Auch Jägers Mutmaßungen über Schneiders Dissertation 1935 in Königsberg sind nicht mehr als Spekulation. Der Umstand, daß seine Dissertation nicht auffindbar ist, ist kein hinreichender Grund für den Verdacht, daß es bei der Promotion nicht mit rechten Dingen zuging. Nicht auffindbar ist nämlich ebenso eine 1935 gültige Promotionsordnung der zuständigen Fakultät der Universität Königsberg, die - wie die 1938 endgültig vom Wissenschaftsministerium genehmigte - einen veröffentlichten Druck vorschrieb. Es ist nicht auszuschließen, daß es vor 1938 noch gar keine Promotionsordnung gab. Es gibt zwar eine undatierte maschinenschriftliche Vorfassung, die man auf Grund des Aktenzeichens in das Jahr 1935 verlegen kann. Aber schon wegen seiner Tippfehler und Auslassungen kommt sie eben nur als unautorisierte Vorfassung in Frage.

Das RSHA scheint im 2. Weltkrieg bei Gestapo-Leuten, aber auch bei Ordnungspolizisten in Rußland nach Bedarf Doktortitel-Fälschungen vorgenommen zu haben. 1 Da die mir bekannten Quellen darüber schweigen und nur Aussagen von Angeklagten in Prozessen der 60er Jahre vorliegen, die die Gerichte offenbar nicht überprüft haben, die aber nicht über jeden Verdacht erhaben sind, weil sie auf diese Weise tendenziell aus dem Fälschungs-Täter ein Opfer gemacht haben könnten, handelt es sich hier bestenfalls um eine Spur, die man weiterhin im Auge behalten muss, die aber bisher keinen argumentativen Wert beanspruchen kann. Schneider ist hier überdies gar nicht betroffen. Er führte seinen Doktortitel schon 1936, also vor seinem Eintritt in die SS, ganz offiziell. 2

Die Version, die Schwerte heute verbreitet, und die er gegenüber dem Rektor der Universität Erlangen bestätigt hat, läßt sich jedenfalls durch solche Hinweise nicht widerlegen: In der Wiedergabe von Gotthard Jasper:
"Schneider hatte zwar 1935 - wie er auf Befragung mir gegenüber ausgeführt hat - in Königsberg promoviert und darüber eine Bescheinigung der Fakultät erhalten. Deshalb taucht er in den Akten als Dr. Schneider auf. Seine Doktorarbeit über Turgeniew hatte er jedoch anschließend noch bearbeiten wollen, diese Bearbeitung allerdings nie fertiggestellt. 1944/45 sei die Arbeit dann verlorengegangen." 3

Jasper erwähnt nicht, daß das voraussetzt, daß eine Promotionsordnung wie die vom 1. April 1938 noch nicht gültig war, die in 1 bestimmte, daß der akademische Grad eines Doktors der Philosophie "auf Grund einer durch den Druck veröffentlichten Doktorarbeit verliehen wird". 4
Die Möglichkeit einer"vorläufigen Führung des Doktorstitels" - wie es Japser unterstellt 5 -, ist dort an keiner Stelle vorgesehen. In 18 wird sogar ausdrücklich betont:
"Erst nach Empfang des Doktorbriefs ist er (der Geprüfte, G.S.) berechtigt, den Doktortitel zu führen." 6

Es ist davon auszugehen, daß dieser Passus, der regelmäßig in den mir bekannten Promotionsordnungen in dieser oder ähnlicher Form schon vor 1933 - und im übrigen noch in den heute gültigen - wiederkehrt, auch in einer eventuellen Vorgängerin der Königsberger Promotionsordnung von 1938 so oder ähnlich lautete, wenn es sie denn gab. Es ist hier kaum eine andere Alternative denkbar als die: Entweder es gab keine Promotionsordnung, dann konnte Schneider völlig legal seinen Titel führen, auch wenn er sich die Dissertation zur Überarbeitung zurückgeben ließ, oder aber es gab eine solche, dann führte er - vorausgesetzt, es verhielt sich so, wie Schwerte es heute darlegt - den Titel zu unrecht.

Wie ausgeführt, favorisiere ich den ersten Fall. Wenn Schwerte also 1948 in Erlangen die Erklärung abgab, daß er nicht promoviert sei 7, so ist es keineswegs "abwegig" - wie Jasper in diesem Zusammenhang meint -, daß wenn nicht in Erlangen so doch 1935 in Königsberg eine Täuschung vorlag. Im Klartext: Wenn eine Promotionsordnung der Philosophischen Fakultät der Universität Königsberg auftaucht, von der sich nachweisen läßt, daß sie 1935 gültig war und in ihr fehlen nicht wider Erwarten die zitierten Paragraphen, dann spricht sehr wohl einiges für Täuschung.

Wenn die philosophische Fakultät der Universität Königsberg aber 1935 noch keine gültige Promotionsordnung gehabt hat, muß die Nicht-Auffindbarkeit der Dissertation keineswegs bedeuten, daß SCHNEIDER den Doktortitel irregulär geführt hat. Ein derartiges Täuschungsmanöver hätte im übrigen gerade auch in den Augen der SS keine Gnade gefunden, es sei denn - davon muss man bei einer derartigen Organisation wohl ausgehen - sie hätte es selbst inszeniert.

Daß eine Hochschulschrift nicht im Verzeichnis der Hochschulschriften vorkommt, ist keineswegs ein Einzelfall. Man muß noch nicht einmal sonderlich in die Ferne schweifen, um einen solchen Fall zu finden. Schneiders Vorgesetzter in der NS-Kulturgemeinde war bekanntlich Alfred Zastrau, der sich später in Halle habilitierte. Die Habilitationsschrift (<Wahr. Studien zu einer wortgeschichtlichen Untersuchung>) ist nie gedruckt worden und erscheint auch nicht im Verzeichnis der Hochschulschriften. 8 In diesem Fall ist aber eine offizielle Bescheinigung der Habilitation überliefert - sogar im Berlin Document Center fand sich eine solche. Exposés, auch von Vorfassungen, liegen im Bundesarchiv. Eine Kopie der eingereichten Habilschrift aus dem Universitätsarchiv Halle ist seit geraumer Zeit in meinem Besitz, leider aber von schlechter Qualität.

Mit Königsberg ist auch die Universität und ihr Archiv am Ende des 2. Weltkriegs zerstört worden. Im Gegensatz zu Zastrau ist Schneider auch keinerlei Neigung nachzusagen, die Belege für erreichte akademische Grade stolz seinen Förderern aus der Partei vorzuzeigen.

Die von Ulrich Wyss ermittelten Vorgänge bei der zweiten Dissertation - jetzt unter dem Namen Schwerte - sind gewiß auffälliger, lassen sich freilich auch durch die besonderen Nachkriegsverhältnisse erklären, vor allem dem Fehlen qualifizierten Nachwuchses für die Hochschullaufbahn.

Ich habe nichts gegen Mutmaßungen. Aber sie sollten nicht gleich als Faktum behandelt werden. Außdem gilt für den Historiker noch mehr als für den Juristen: in dubio pro reo .

Ich selbst habe ursprünglich ebenfalls vermutet, daß es Six uml;tigungsfelder" (Ffm 1993) ist ein Nachschlagewerk, das einen hervorragenden Überblick über fast alles liefert , was mit Literatur im 3. Reich - also auch Literaturwissenschaft - zu tun hatte. Historiker anderer Wissenschaften können uns Germanisten nur wegen dieses Standardwerkes beneiden. Daß es nicht auf Schneider eingeht, hängt vermutlich allein damit zusammen, daß das <Ahnenerbe>, Schneiders Hauptbetätigungsfeld, offiziell nichts mit Literatur zu tun haben wollte, was diese Institution mit Ausnahme Schneiders und einer geplanten Klopstock-Ausgabe, an der u. a. Ulrich Pretzel mitwirken solllte und wollte, bis 1945 auch durchhielt. Daß an dem Opus von Barbian im Einzelnen manches trotzdem zu kritisieren wäre, ist demgegenüber von geringerer Bedeutung.

Da in Deutschland in den Geisteswissenschaften das Bibliographieren im Gegensatz etwa zu den USA, wo die Bibliotheken von Anfang an ihre Aktivitäten voll in Richtung Internet konzentrierten, immer noch eine Sieben-Siegel-Geschichte darstellt, ist der Informationsaustausch unter Fachleuten auch über Sekundärliteratur nach wie vor unabdingbar. Diesem aus welchen Gründen auch immer aus dem Wege zu gehen, ist unverständlich. Nebenbei sei nur angemerkt, daß z. B. Barbians Werk freilich zu den Veröffentlichungen gehört, die auch in Deutschland über die CD-Rom zum Verzeichnis lieferbarer Bücher ziemlich leicht zu ermitteln sind.

Auch sonst verrät Jägers Beitrag wenig Kenntnis der Forschung, dafür aber merkwürdige Recherchiertechniken. Was Jäger über Julius Petersen, Josef Nadler und andere Germanisten Vertretbares bringt, ist exakter und ausführlicher in bekannten Publikationen etwa von Boden oder Meisl nachzulesen. Entweder man verweist auf diese Arbeiten - was Jäger nicht tut - und referiert sie kurz oder man schenkt sich entsprechende Ausführungen. Natürlich hätte Jäger einfach im Marbacher Literaturarchiv anfragen können, wo zumindest Christoph König einen Überblick über die laufenden germanistikgeschichtlichen Arbeiten hat, oder - wenn er es denn gewußt hat - Boden, Meisl und andere Spezialisten auch direkt kontaktieren können, um sich über den gegenwärtigen Stand ihrer Forschungen zu informieren oder herauszubekommen, wo noch unerforschte Quellen zu vermuten sind. Details z. T. am Rande des Irrelevanten über diese Wissenschaftler zu präsentieren und die Hauptsachen beiseite zu lassen, ist jedenfalls weniger, weil verzerrter, als name dropping.

Wer als Germanist über Universitätsgeschichte arbeitet, kennt auch Paul Hübingers Thomas Mann-Buch, zentral eine Detailstudie über die Bonner Germanistik. Sie geht auch ausführlicher auf Karl Justus Obenauer ein, den Jäger am Rande erwähnt. An Hübingers vorbildlichen Ausführungen hätte Jäger studieren können, wie man als Angehöriger einer betroffenen Universität den Fall Schwerte-Schneider hätte behandeln können: nüchtern und differenziert, ohne vorschnelle Urteile, bei einem Mangel an aussagekräftigen Quellen die Interpretationsmöglichkeiten sachlich abwägend. Jäger scheint aber Hübinger nicht zu kennen, obwohl Obenauer von den Genannten noch am meisten mit Schneider zu tun hatte, wenn auch nur über dessen Koautor Spengler, dessen Lehrer er war und der ihn in den SD brachte.

Niemand kann etwas dagegen haben, wenn ein Wissenschaftsforscher auch das weitere Umfeld seines Forschungsgegenstandes in den Blick rückt. Jäger insinuiert aber ständig direkte Bezüge. Er spricht z. B. von Schneiders "engagierte(r) und programmatische(r) Teilnahme an der Konzeption dessen, was der <Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften> genannt wurde."Schneider hatte aber mit dem <Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften> sicher nichts zu tun - er betätigt sich lediglich im Anschluß an Rössner als später Kritiker dieses Projekts. Wenn man im übrigen ein solches Projekt nicht unter Hinweis auf Spezialstudien wie die von Schönwälder oder den Ausstellungskatalog des Marbacher Literaturarchivs ("Klassiker in finsteren Zeiten") knapp skizzieren will, sondern stattdessen aus den Personalakten einzelner Teilnehmer nur die Abwesenheitsmitteilungen für die Weimarer Tagung (Fußnote 166) und zwar für jeden einzeln zitiert, dann fragt man sich, was diese Ansammlung von Schrottinformationen soll. Wenn ich böswillig wäre, dann würde ich sagen, das dokumentiert nur, daß Jäger nicht weiß, warum es in diesem Projekt ging.

Auch sonst habe ich für manche Informationen nur das Urteil "Schrottinformationen". Das ist mir umso unverständlicher, als mich Jäger ziemlich spät telefonisch bat, meinen Beitrag um Methodisches in der Einleitung und um Gegenwartsbezüge z. B. auf Rau und andere am Schluß zu streichen, was ich ihm blauäugig gestattete. Blauäugig, weil die methodischen Ausführungen - wie ich jetzt sehe - eine indirekte Kritik an der Jägerschen Vorgehensweise enthielt. Und bei der Eliminierung des Bezugs auf Rau und andere berücksichtigte ich lediglich, daß dieser Zusammenhang in meiner Arbeit nicht unerläßlich war, und bedachte zu wenig, daß Jägers Kürzungswunsch auch mit wissenschaftsfremden Motiven zu tun haben könnte.

Ich bin kein Mensch von Formalitäten. Bislang war ich freilich der Meinung, ein Beiträger ist für einen Herausgeber eine Art Gast, und dem läßt man den Vortritt, sofern jedenfalls nichts Sachliches dagegen spricht. Das wäre für mich kein Thema, wenn nicht die Reihenfolge in einem solchen Heft unterschwellig auch die Chronologie der Forschung zu simulieren pflegt. Die Anmerkung in Jägers Editorial, daß ich schon vor der Demaskierung Schwertes über ihn Informationen gesammelt hatte - übrigens liegt das schon über zehn Jahre zurück und wurde frühzeitig ergänzt durch (wir wissen heute, warum) in die Irre gehende Recherchen über Hans Schwerte -, kann insofern nicht genügen, weil dadurch nicht klar ist, daß dem Herausgeber mein Beitrag bereits am Vortage der 125-Jahr-Feier der RWTH Aachen bekannt war, als er in seiner Forschung erst in den Anfängen steckte, daß also seine Forschung auf der meinen aufbauen konnte. Jäger war ja der einzige Grund, weshalb das Heft so spät erschien.

Zeitungen und Zeitschriften haben berichtet, daß die Identität Schwertes mit Schneider in der Aachener Germanistik schon lange vor dessen Selbstanzeige bekannt war. Ich habe diese Dinge bisher ignoriert, weil ich Wissenschaftler bin, und Gerüchte bestenfalls im Vorfeld des Vorfeldes von Wissenschaft einen Platz haben. Der Umstand, daß Jäger auf diese mit keinem Wort eingeht, macht mich aber stutzig, zumindest unsicher, weil es kaum einen plausiblen Grund gibt, warum die Vorgeschichte der Selbstanzeige nicht ebenso durchleuchtet werden sollte wie die Geschichte Schwerte-Schneiders. Vermutlich niemand wäre so wie Jäger dazu berufen und zumindest sein Editorial wäre auch der Ort gewesen, wo Jäger endlich hätte Licht in dieses Dunkel bringen müssen. Wie ich höre, will Jäger darauf in seinem angekündigten Buch eingehen. Wenn das geschieht, bleibt immer noch die Frage, warum so spät.

Was mich daran überdies stört, ist daß das in seltsamen Zusammenhängen steht. Die gesamte bundesrepublikanische Presse verschwieg - mit Ausnahme der Berliner 'taz' - einen Vorgang, der ohne vorherige Beeinflussung der Medien mit Sicherheit die öffentliche Aufmerksamkeit in höchstem Maße erregt hätte. Einen Tag nach meinem Vortrag fand in Aachen ein denkwürdiges Happening in Anwesenheit von Ministerpräsident Rau statt. Es erschien ein Bericht in der Berliner "tageszeitung", dessen Wahrheitsgehalt ich nicht überprüfen konnte, weil ich zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr in Aachen war. Da hier nach wie vor Erklärungsbedarf besteht, hier trotzdem einige Auszüge aus diesem Bericht der Berliner "tageszeitung" (taz):
"Schon musikalisch war es ein hübscher Kontrast. Drinnen in der Aula beim Festakt wurde Wohlklang der Romantik gegeben - die Prominenz bis hin zu Landesvater Rau lauschte Mendelssohn-Bartholdys <Der Lobgesang>. Draußen dröhnte deutlich rustikaler Wagners wuchtiger Walkürenritt aus den Lautsprechern der etwa 200 studentischen DemonstrantIn-nen. Drinnen begrüßte der TH-Rektor die <hochansehnliche Festversammlung>, draußen stand zu lesen: <Hier tanzen die Täter auf den Gräbern der Opfer.> Kein Zweifel: Die Mitglieder der Technischen Hochschule Aachen feiern den 125. Geburtstag ihrer Lehranstalt recht unterschiedlich.
Doch das drastische Moment des Tages war mit Beginn der offiziellen Festlichkeiten schon passé. Mitten zwischen den vorfahrenden Limousinen der Prominenz hatte sich die Edelkarosse gemischt, der direkt vor dem Hauptportal drei Figuren in vollem SS- und SA-Wichs entstiegen. Sie schlugen die Hacken zusammen, marschierten umher und erbaten sich den Hitlergruß. Hans Ernst Schneider schien samt Gefolge zurückgekehrt.
(...)
Die Affaire Schwerteschneider hatte wie keine zweite die Nachkriegsgeschichte der TH erschüttert und ist seitdem Beleg für die ungebrochene Unfähigkeit im Umgang mit jenen besonderen zwölf Jahren. (...)
50 Jahre später arbeitet dort selbst - intern - seit Monaten ergebnislos eine Untersuchungs-kommission. Nach wie vor weiß die Öffentlichkeit nicht, wer denn alles vom Nazi-Kuckucksei S.-S. wußte, ob wirklich schon Ende der sechziger Jahre intern vom <Hans-Ernst-Schneider-Inistitut> gewitzelt wurde, wer wen protegiert oder möglicherweise erpreßt hat und wer beteiligt war, als Schneider alias Schwerte 1965 seinen Ruf nach Aachen bekam.
Womöglich Schneiders SS-Spezi Arnold Gehlen? Nach aktuellen Recherchen des Stadtmagazins Klenkes war auch der prominente deutsche Soziologe wesentliche intimer in die NS-Strukturen eingewoben als bislang gedacht. Dokumente belegen die SA-Mitgliedschaft des Gründungsrektors des Aachener TH-Soziologie-Instituts und seine Verbindungen zum SS-Amt <Ahnenerbe>. Genau dort war Schneider federführend tätig. (...) [Rektor] Habetha nennt die Nachforschungen von außen eine Behandlung von (Schein)Pro-blemen der Vergangenheit. Denn: <Permanente Selbstreflexion> mache <unfähig> für das heutige und morgige Leben. Und über die braunen Verstrickungen seiner Anstalt weiß er: <Die Täter standen ja auf studentischer Seite. Die Studenten waren es, die damals ultimativ gesagt haben, der und der Professor ist Jude, bei dem wollen wir nicht mehr hören.> Im neuesten Vorlesungsverzeichnis und auch in der diese Woche erschienenen Festschrift der TH ist übrigens, als besonderes Kontinosum deutscher Geschichte, immer noch ein gewisser Hans Schwerte als Ex-Rektor und Ex-Ehrensenator aufgeführt. In seinem Festvortrag nannte Habetha dessen widerwärtige Karriere ein <deutsches Schicksal>. Es gab Beifall"
9


Man mag von diesem Artikel halten, was man will. Das Schweigen des deutschen Blätterwaldes, der ansonsten bei jeder Gelegenheit - auch wenn es Schwerte-Schneider betraf - jede aktionistisch verpackte Information genüßlich präsentiert, wertet ihn automatisch auf. Zu dieser Informationspolitik paßt auch, daß es den bundesdeutschen Zeitungen - wenn ich recht sehe - keine Nachricht wert war, daß die Staatsanwaltschaft am 10. Oktober ihre Ermittlungen gegen Schneider, alias Schwerte erwartungsgemäß einstellte.

Ich habe meinen Beitrag, der sich auf das 3. Reich beschränkt, bedenkenlos für die SuL zur Verfügung gestellt, weil ich über die Aachener Verhältnisse, die man inzwischen bundesweit "Aachener Sumpf" nennt, als Außenstehender notgedrungen nur mühsam hätte Informationen zusammentragen können und es für selbstverständlich hielt, daß Jäger und Buck als direkte Zeugen die Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen würden, gerade in diese Verhältnisse nach bestem Wissen Licht zu bringen.

Im Nachhinein muß ich erkennen, daß mein Beitrag in dem ungekannten und ungewollten Zusammenhang der anderen Beiträge in eine Politik eingebunden und umfunktioniert wurde, die ich nicht billige. Von dieser Politik kann ich mich nur energisch distanzieren. Ich fordere Jäger hiermit auf, endlich zu den in Aachen offenbar seit langem bekannten Vorwürfen Stellung zu nehmen.


Fußnoten:
1
Vor dem Landgericht Koblenz gestand der SS-Hauptsturmführer Heuser 1963, daß er zu einem kleinen Kreis gehörte, der für den <Leitenden Dienst> in der Sicherheitspolizei vorgesehen war und dem das RSHA zugleich 1941 einen gefälschten Dr.-Grad verlieh. S. Heiner LICHTENSTEIN: Himmlers grüne Helfer. Die Schutz- und Ordnungspolizei im <Dritten Reich>. S. 98 Den Hinweis auf diese Quelle verdanke ich Bernhard DAENEKAS.

Zurück zum Haupttext

2
Als Verfasser des Artikels <Heimatmuseen und Volkstumsarbeit> nennt die Zeitschrift <Der junge Osten> 1, 9, Juni 1936 schon im Inhaltsverzeichnis und auch sonst bei jedem Artikel "Dr. Hans Ernst Schneider".

Zurück zum Haupttext

3
Gotthard JASPER: Die Universität Erlangen-Nürnberg und der Fall Schneider/Schwerte in: Ein Germanist und seine Wissenschaft. Der Fall Schneider/Schwerte. Einführung. Vorträge zum Symposium vom 15. Feb. 96. Dokumente. (Erlanger Universitätsreden Nr. 53/1996, 3. Folge), S. 10
Zurück zum Haupttext

4
Promotionsordnung der Philosophischen Fakultät der Albertus-Universität zu Königsberg (Pr.). (Genehmigt durch Erlaß des REM vom 15.3.38. - Gültig ab 1. April 1938). GSEA Berlin Rep. 76/I HA/Nr. 879 Bl. 22-29.

Zurück zum Haupttext

5
JASPER, loc. cit.

Zurück zum Haupttext

6
Ebenda S. 25. "Doktortitel ist handschriftlich in "(Doktor)grad" geändert. Diese Änderungen wurden im REM vermutlich im Hinblick auf zukünftige Fassungen vorgenommen.

Zurück zum Haupttext

7
so JASPER loc. cit.

Zurück zum Haupttext

8
Diesen Hinweis verdanke ich meinem Mitarbeiter Florian VOGEL.

Zurück zum Haupttext

9
Bernd Müllender: SS-Karriere als deutsches Schicksal gewürdigt. taz 12.10.95.

Zurück zum Haupttext

96/97 Gerd Simon
BORDER=0>


Copyright 1997 GIFT e.V.
Alle Rechte vorbehalten
letzte Änderung: 26.01.2001
Page & HTML Design:
S. v. Szalghary